Dialekt und anderes

Franz Lanthaler


Die klitischen Pronomen im Dialekt des Passeiertales

Inhalt

1. Einleitung

Das System der Personalpronomen wird in der Literatur allgemein als zweiteiliges System beschrieben, in welchem neben den Vollformen der einzelnen Pronomen eine ganze Reihe von reduzierten Formen bestehen, die man als Klitika bezeichnet, weil sie nur in enger Verbindung mit einem anderen Wort erscheinen, im Deutschen sogar nur entweder vorne oder hinten an ein anderes Wort angehängt. Der Terminus Klitikon kommt vom griechischen klinein (neigen, lehnen), und die Ausdrücke Proklise und Enklise bezeichnen die Anhaftung solch unselbständiger Morpheme vorne oder hinten an einem Träger. Im Normalfall sind Klitika im Deutschen Reduktionsformen unbetonter Pronomen und Artikel. Für das Deutsche können wir daher getrost als Klitika bezeichnen, was Nübling (92,2) lapidar als solche definiert: “alle diejenigen Einheiten …, die weder Wort noch Flexiv sind.” Ein Klitikon ist nach dieser Definition also ein Morphem, das (in dieser Form) nicht als selbständiges Wort vorkommt, sondern nur als an ein anderes Wort angeheftetes (angelehntes) Element, mit welchem es eine phonetische Einheit bildet. Wie weit dieser Status jedoch eine grammatische Veränderung an seinem Träger verursacht, wird noch zu sehen sein. Nübling (92,14) bezeichnet die so entstandene Einheit als “Phonotagma” oder “phonetisches Wort”, andere bevorzugen dafür “phonologisches Wort”.

Für andere Sprachen, z.B. das Romanische, trifft diese Definition nicht in vollem Maße zu, denn hier gibt es Klitika, die zwar nicht ohne Trägerwort auftreten können, jedoch nicht direkt an dieses angeheftet und somit auch nicht als phonetische Einheit mit diesem erscheinen müssen.

Auch für die Beschreibung der Pronomen in unserer Varietät kommen wir mit der oben genannten Dichotomie nicht ganz aus, denn neben Vollformen und Klitika gibt es eine dritte Klasse von Pronomen, die bei Cardinaletti und Cardinaletti/Starke (beide 99) als “schwache” oder “klitika-ähnliche Pronomina” bezeichnet werden. Zwar hebt auch schon Nübling (92,22) hervor, dass es nicht die Bedingungen einer Vollform erfüllt, da es nicht betonbar oder isolierbar ist. Aber da sie einerseits vor allem die phonologischen und prosodischen Unterschiede hervorhebt, und da andererseits die verschiedenen linguistischen Schulen nur ungern voneinander Notiz nehmen, tritt die klare Dreiteilung zunächst vor allem in generativen Darstellungen hervor. (Mehr dazu in Abschnitt 6.)

In der Literatur wird immer die Unterscheidung zwischen Klitika und Flexiven angesprochen, indem als die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden hervorgehoben wird, dass Klitika trotz ihrer scheinbaren Nähe zu den Flexionsmorphemen (unbetont, phonetisch reduziert, an ein anderes Morphem gebunden) syntaktisch den Vollformen weitgehend gleichzusetzen sind, da sie wie diese eine obligatorische Stelle im Satz einnehmen, nur an komplette Wörter, nicht an Wurzeln oder Stämme angelehnt sind, und zwar nur an solche mit bestimmten syntaktischen Funktionen, deren syntaktische Kategorie sie nicht verändern (siehe auch Altmann 84,194).

Hans Altmann, der die Klitisierung der Personalpronomen in einem mittelbairischen Dialekt beschreibt, betont, dass es sich bei den Klitika nicht um Reduktionsformen “auf Grund von synchronen satzphonologischen Prozessen” (84,197) handelt, sondern dass sie das Ergebnis einer historischen Entwicklung darstellen. Damaris Nübling, die das Phänomen stärker aus diachroner Sicht betrachtet, meint allerdings, dass sehr wohl die Allegrosprechweise den Ausgangspunkt der Reduzierung bildet, die dann in eine Entwicklung übergeht, die bis zur Grammatikalisierung führen kann. Sie stellt das Klisekontinuum folgendermaßen dar (Nübling 92,25 und 93,98):

“Wort →Allegroform →einfaches Klitikon →spezielles Klitikon →Flexiv
SYNTAXMORPHOLOGIE”

Diese letzte Stufe wird, wie wir sehen werden, im Dialekt des Passeiertales – zumindest bei den Pronomen – nicht erreicht, wohl aber bei benachbarten Dialekten in der Reduktionsform der 2. Pl.

Nübling legt ihrer Untersuchung der Klitika im deutschen Standard, in der Umgangssprache und in alemannischen Dialekten fünf Kriterien zugrunde: phonetisch-prosodische Eigenschaften, das Verhältnis des Klitikons zur Vollform, Distribution, Paradigmenbildung sowohl des Klitikons als auch des Trägers und semantisch-funktionale Eigenschaften.

Weiters unterscheidet sie zwischen einfachen (synchron von einer Vollform ableitbaren) und speziellen Klitika, welche sich entweder nicht auf eine Vollform zurückführen lassen oder nur auf eine, die eine ganz andere Distribution aufweist.

René Schiering, der die Klitika im Ruhrdeutschen untersucht, referiert zwar die Ergebnisse generativer Beschreibungen des Phänomens, entscheidet für sich jedoch der Vorgehensweise von Nübling zu folgen.

Während alle unsere klitischen Pronomen nach diesem Kriterium als einfache Klitika gelten dürfen, ist dies beim proklitischen Artikel neutr. s nicht der Fall, da er synchron nicht einfach auf das Demonstrativum des (dieses) zurückgeführt werden kann.

Im Folgenden wird zunächst die Phonologie des Taldialektes beschrieben, soweit sie die Gestalt der reduzierten Pronominalformen betrifft (2.), sodann wird die Phonologie und Morphologie der Personalpronomen im Einzelnen kurz dargestellt (3.) und schließlich das System der klitischen und schwachen Pronomen bezüglich Distribution (4.), Semantik (5.) und Syntax (6.) eingehender erörtert.

2. Zur Phonologie des Passeirer Dialekts

Hier einiges zu den phonologischen Voraussetzungen für die Klise im Dialekt des Passeiertales. Das Passeier ist ein Seitental des Etschtales, das in 50 km Länge von Meran bis zur österreichischen Grenze am Timmelsjoch geht. Von Meran geht es zunächst 20 km nach Nordosten bis St. Leonhard von dort bis Moos nach Nordwesten und dann wieder nach Norden. Der erste Talabschnitt gehört noch zum Burggrafenamt, das historische und sprachliche Passeier beginnt bei Saltaus.

Das Tal war bis in die neuere Zeit nur bis St. Leonhard, von wo der Weg über den Jaufen ging, ein Durchzugstal, der hintere Teil des Tales war eher isoliert. Der hier gesprochene südbairische Dialekt weist daher vor allem im hinteren Teil viele Charakteristika konservativer Hochtalmundarten auf, die z.T. in der Klitisierung der Pronomen und Artikel eine entscheidende Rolle spielen.

In dieser wie in vielen benachbarten Mundarten kommt der Glottisverschluss sehr selten vor, nur gelegentlich am Anfang eines Satzes oder Kolons, sodass wir so zu sagen einen Redefluss ohne klar erkennbare Junkturen haben, soweit es sich um unbetonte Wörter handelt. Sogar eine Äußerung wie die folgende könnte sowohl mit als auch ohne Glottisverschluss erfogen:

(1)[ʔ] ii siag asou eppis nit (ich würde so etwas nicht sagen).

Aus diesem Grund können auch nachgestellte Vollformen von Pronomen wie ins, engk, iimile sowie entsprechende Possessiva kompakt an potenzielle Träger angeschlossen erscheinen. Doch kann es sich dabei nicht um Klitika handeln, da die genannten Formen weder phonetische noch morphologische oder syntaktische Veränderungen erfahren, also auch als freie Wörter in unterschiedlichen Positionen auftreten können. Zum selben Schluss kommt Schiering, der im Ruhrdeutschen ähnliche phonologische Bedingungen vorfindet (kaum Glottisverschluss auch bei vokalischem Anlaut); auch er zählt die vergleichbaren Vollformen nicht zu den Klitika.

Zwar zählt das Passeirerische zu den konservativen Dialekten, die im Gegensatz zu den zentraltirolischen Varietäten das Endungs-e nicht abgestoßen haben und die auch beim Präfix ge-, das in diesem Dialekt in vielen Nachbarschaften gi- lautet, an vielen Stellen Vokalepenthese haben, wo Nachbardialekte sie nicht haben (vor -j, -kh, -l, -m, -n, -p, -r, -t, -w, -ts). Dennoch wird das schwa im gedeckten Auslaut ebenso häufig elidiert wie in den anderen Dialekten: reidn, froogn, weeln, zarkn (reden, fragen, wählen, zerren). Von Elision betroffen sind auch die Vokale der Klitika, da diese in den “phonetischen Wörtern” denselben Regeln unterliegen wie Fexionsendungen und Suffixe allere Art. Dadurch ergeben sich bei den mask. Objektsklitika viele silbische -, bezw. durch Assimilation -ɳ̩ und -m̩.

Die wesentlichen bei Nübling aufgezählten prosodisch-phonetischen Eigenschaften von Klitika lassen sich jedoch auch in dieser Varietät ausmachen: die bereits erwähnte Tilgung des klitischen Vokals (gibts – gips); Assimilation, die auch den Träger betreffen kann (simmer – saimer); Vokalelision (ahd. brahta er > brahter – wenn-se-er > wenns’er ‘wenn sie ihr’).

Nicht zu trifft auf unseren Dialekt die Tilgung der sog. Auslautverhärtung (mhd. neic er > neiger), ebensowenig die von Nübling mit dem Zürichdeutschen und romanischen Beispielen belegte Metathese. Was die Verlegung der Silbengrenze mit der Folge einer sog. Fehlsegmentierung betrifft, gibt es hier eine Parallele zu dem bei Nübling angeführten Schweizer Beispiel (a.o.O.), nämlich die Lautung des Personalpronomens der 2. Pl. tir in vielen Schweizer Dialekten, wo aus wollt=ir (wollt ihr) das Pronomen als -tir analysiert wird. Denselben Ursprung hat sicher der Dental an des (ihr) für den alten bairischen Dual ös, das in unserem wie in den meisten östlichen Südtiroler Dialekten die Funktion dieses Personalpronomens übernommen hat.

Und dass die 1. Pl. wie im gesamten bairischen und in großen Teilen des alemannischen Raumes mit m- anlautet: miar (wir) und das Klitikon -mer, ist ebenfalls der Assimilation mit dem Nasal der Endung der vorausgehenden Personalform des Verbs und folgender “Fehlsegmentierung” zu verdanken (Nübling 93,107). Aufgrund der Datenlage in den oberdeutschen Dialekten kommt Nübling nämlich zum Schluss: “Damit kann als gesichert gelten, dass die 1.Pl. mir … einzig durch “Fehl”-Segmentierung des an die Verbalendung assimilierten Enklitikons entstanden sein kann.” Das bedeutet, dass hier über das Klitikon – in unserem Fall könnte es sich auch um eine sehr eng angeschlossene Allegrovariante handeln – eine neue Vollform entstanden ist. Den entsprechenden Entwicklungsprozess von wir zu miar könnte man sich folgendermaßen vorstellen:

soogn wirsoogn-mir (→ soogmer) → miar (sagen wir → wir).

Die bei Nübling genannten Korpora des Berndeutschen wie andere alemannische Quellen belegen, dass nur gut ein Viertel der Vollformen der Personalpronomen im Nominativ im Vorfeld stehen (26,8%).

Eine Zählung der Beispiele für die 1. Pl. im Passeirer Wörterbuch ergibt folgendes Verhältnis:

Die Vollform miar im Vorfeld 40, nach dem Verbum finitum oder einer einleitenden Konjunktion (meist kontrastiv) 7, das Klitikon -mer 159.

Da der Glottisverschluss, wie erwähnt, kaum vorkommt, wird Hiatusvermeidung an Morphemgrenzen auf zweierlei Art garantiert: Zum einen durch Elision (Beispiel aus dem Passeirer Wörterbuch, dort in etwas anderer Schreibung):

(2) *a waise eibea wais’eibe (ein weißes Mutterschaf),

und zum andern durch eine Nasalepenthese:

(3) *tsi ar guatn suppetsin ar guatn suppe (zu einer guten Suppe).

Eine weitere Beobachtung ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung: in diesem Dialekt erscheint der Vokal in tonlosen Silben im absoluten Auslaut als schwa, im Inlaut und im gedeckten Auslaut jedoch nur vor -r Zwar findet man in Dialekttexten gelegentlich die Schreibung ohne e, muatr (Mutter), doch die Aussprache ist eindeutig muater, mit einem schwa vor dem weit hinten ausgesprochenen -r (R, das Scheutz 2016,57 auch mit ch wiedergibt) als solches, denn vor allen anderen Konsonanten erscheint der tonlose Vokal als i, was dazu führt, dass das Klitikon ein- und desselben Pronomens je nach Position im phonetischen Wort unterschiedlich lauten kann. Allerdings gibt es bei den Klitika der Personalpronomen, deren Vollform auf -i ausgeht, eine gewisse Variation.

Dass wir im Dialekt bezüglich Klitika vergleichbare Verhältnisse haben können wie im (mündlichen) Standard zeigt uns die Übersetzung des bei Nübling zitierten Beispiels:

“Wennde (vεndə) ins Kino gehen willst, mußte die Karten ‘n Tag vorher im Vorverkauf holen.” (Nübling 92,1)

(4) wennd’ in khino gian willsch, muasche di khɔrtn an Die Präposition “an” gibt es in diesem Dialekt nicht, an ihrer Stelle steht bei Datumsangaben in, sonst häufig af (auf). Hier steht an jedoch für den unbestimmten Artikel Akk. mask. ’einen'. toog dervour in vourverkhaaf oohouln.

Wir finden hier alle Klitika im Dialekt wieder, wenn auch das erste in eine andere Bedeutung hat als das im obigen Zitat. in hat im Dialekt fünf Bedeutungen: Einmal ist es die Präposition ‘in’, dann ist es der Artikel Dat. mask./neutr. ‘dem’ und schließlich der Artikel Akk. mask. ‘den’, weiters funktioniert es vor dem Pluralartikel di als Dativmarker für alle drei Genera und schließlich steht es auch noch für die Präposition + Klitikon für ‘in dem’ und ‘in den’. Da in den konservativen Südtiroler Dialekten alle m-Endungen zu -n abgeschwächt werden, entsteht der Kasussynkretismus Akk. – Dat. mask. Zugleich kommt hier ins Spiel, dass in diesem Dialekt wie in vielen anderen Dialekten fast alle Präpositionen den Dat. regieren und dass bei Ortsangaben die Präpositionen af oder in immer mit einem Lokaladverb kombiniert werden und dass bei Zielangaben dieselben Präpositionen immer in Kombination mit einem Richtungsadverb auftreten.

Da Klitika häufig am Verbum finitum andocken, muss man den Personalformen der Verben eine besondere Beachtung schenken. Insbesondere die Endungen der 2. Sg. und der 1. und 2. Pl. sind bei Subjektklitika anfällig für Assimilation. Die Personalform der 2. Sg. endet auf ‑sch. Diachronisch gesehen ist hier der dentale Verschlusslaut weggefallen, nachdem das s auch im Silbenausgang vor -t immer als sch ausgesprochen wurde; aus der Tabelle 1 sehen wir, dass auch noch der Dentalansatz von duu in dieser Konstallation wegfällt. Im Nom. der 1. Pl. trifft die dentale Nasalendung auf den labialen Nasal des Pronomens und bei der 2. Pl. trifft die Dentalendung des Verbs auf den Dentalansatz des Pronomens. Zu den entsprechenden Formen im Einzelnen unter 3.1.

Eine weitere Besonderheit dieses Dialektes ist es, dass zwischen Nasal und Lateral, aber auch zwischen l und r oft ein Dental eingefügt wird. Dass das Diminutiv von mɔn > mandl und der Plural mander lautet, ist eine gesamtbairische Gegebenheit, aber im Passeier ist dieses Phänomen weiter verbreitet, denn hier lautet sowohl die maskuline Form als auch der Komparativ von schian – schiander (schön – schöner), der Genitiv von sainsainder (sein – seiner) und der Plural von soal – soalder (Seil – Seile).

3. Das Pronomen

Anhand dieser phonologischen Merkmale lassen sich den Vollformen der einzelnen Personalpronomen die verschiedenen Allomorphe ihrer Klitika zuordnen.

Tabelle 1: Personalpronomen Singular

Sg.Nom.Akk.Gen.Dat.
1. Sg.
Vollformiimiimain(der), (maimpeign)miar, (main)
Klitikon-i, -e-mi, -me-mer, -mar
————–—————————-———————-————————–—————————-
2. Sg.
Vollformduu, tuu (du, tu)diidain(der), (daimpeign)diar, (dain)
Klitikon-di, -de, -ti, -te, -i, -e-di, -ti, -de, -te-der, -dar
————–—————————-———————-————————–—————————-
3. Sg. mask.
Vollformeer, (deer, dersel)iin, (den, in sem)sain(der), (saimpeign)iin, (sain), (den, in sem)
Klitikon-er, (-ar)-in, -n, -dn-in, -n, -dn
————–—————————-———————-————————–—————————-
3. Sg. fem.
Vollformsii, (dee, disel)sii, (dee, disel)(iirepeign)iir, (deer, dersem)
Klitikon-si, -se, -e-si, -se-er
————–—————————-———————-————————–—————————-
3. Sg. neutr.
Vollformes, as, (des, sel)–-, (sel)–- (fi den)-– (den, in den, in sem)
Klitikon-s, -is, -ø-s, -is, -si, -e, -ø-in, -n, -dn

Tabelle 2: Personalpronomen Plural

PlNom.Akk.Gen.Dat.
1. Pl.
Vollformmiarins(inserepeign)ins
Klitikon-mer, -mar
——–—————–————–————————-————————————–
2. Pl.
Vollformdesengkh(engkheripeign)engkh
Klitikon-dis, -tis, -is
——–—————–————–————————-————————————–
3. Pl.
Vollformsii, (deedn)sii, (deedn)(iimilepeign)(fi deedn)iimile, iimilin (in deedn) (dentnin)
Klitikon-si, -se-si, -se

Tabelle 3: iire, man & Reflexivum

Indef.Nom.Akk.Dat.Gen.
Vollformiireiirein iirefin iire
Klitikon-er-er
———–——————————————–————-———————
Vollformman, (uander, uane, uans)uan, uane, uansuan, uanderfin uan, fin uander
Klitikon-min
———–——————————————–————-———————
uander, uane, uansuan, uane, uansuan, uanderfin uan, fin uander
———–——————————————–————-———————
Refl.
———–——————————————–————-———————
Vollform3. Sg./3. Pl.
Klitikon-se

Aus den Tabellen ist ersichtlich, dass im Plural der Pronomen klitische Lücken entstehen, denn überall da, wo das potenzielle Klitikon gleich lautet wie die Vollform, kann dieselbe Form auch im Vorfeld stehen und alle syntaktischen Funktionen einer Nominalphrase übernehmen. Das gilt für die einsilbigen ins und engkh, auch wenn sie als direkte oder indirekte Objekte oft sehr eng an Verben, Pronomen oder Konjunktionen angeschlossen erscheinen: schlaint engkh! (beeilt euch!); wenn ins uans sik (wenn uns jemand sieht); engkh geat des nicht oon (euch geht das nichts an). Die Dativform iimile fällt als Klitikon schon aufgrund der Silbenstruktur aus. Interessant ist, dass die nordbairischen Dialekte in Tschechien auch genau diese Lücken aufweisen (Bachmann 2005,66). Bis auf diese drei Formen ist das Paradigma der pronominalen Klitika also vollständig, was wir übrigens auch zu einzelnen Kategorien von Trägern feststellen werden, wie z.B. den finiten Verben und den subordinierenden Konjunktionen.

Indefinitpronomen bilden normalerweise keine Klitika. Die beiden in Tabelle 3 bilden allerdings eine Ausnahme; man bildet allerdings nur ein Subjektklitikon, alle anderen Kasus werden durch Formen von uan (einer, jemand) ersetzt.

Zum Reflexivpronomen -si/-se (sich) gibt es keine Vollform; es kommt nur als Prädikatsteil bei reflexiven und reziproken Verben im Akk. und bei reflexiv gebrauchten Transitiva als direktes Objekt vor; der Dativ wird durch das Personalpronomen und zum Subjekt man durch uan ersetzt (Lanthaler, in: Haller/Lanthaler: Passeirer Wörterbuch, 2. Auflage, in Vorbereitung):

(5) wem-min uan wea tuat (wenn man einem weh tut = sich verletzt).

Die durch Doppelvokal angedeutete Länge bei ii, duu, eer, sii gilt für alle Vollformen der Pronomen, selbstverständlich auch für die stark betonten Formen in der Kontrastierung. Ob es daneben auch etwas kürzer gesprochene (nicht klitisierte) Allegroformen i, mi, du, di, er, si gibt, könnte nur eine genaue Messung feststellen.

main, dain, sain und deren Komposita sind Relikte eines alten Genitivs. Zwar regiert heute auch weign wie die übrigen Präpositionen den Dativ, aber es gibt neben daimpeign (deinetwegen) etc. auch noch weign dainder, stɔtt mainder. In Äußerungen wie des kheart main handelt es sich um Reste alter Possessivgefüge. Eine heute noch gängige Wendung ist fi main aus (meinetwegen). Im Hinterpasseier habe ich bei älteren Personen noch einzelne Äußerungen gehört wie: eer isch hinter main gɔngin (er ging hinter mir), auch Wendungen mit four, neebm, ouber (vor, neben, über) etc. kann man noch hören. Hier zeigt sich eine starke Parallele zu den bei Altmann (195) festgehaltenen Wendungen. Zu diesen relikthaften Formen gibt es keine Klitika.

Im Gegensatz zu den Verhältnissen im Mittelbairischen, wie sie bei Altmann beschrieben sind, treten sowohl in der “normalen”, anaphorischen als auch in nicht-anaphorischer und in deiktischer Funktion die Formen eer, sii, es auf, die allerdings in betonter Stellung oder in pragmatischer Funktion durch Demonstrativa ersetzt werden können. So kann statt sii auch dee stehen: dee woll! (sie/die doch nicht!), oder im Plural (beim Kartenspiel, mit und ohne Zeigegestus auf die Gegner): deedn hoobm nicht mear (sie/die da haben nichts mehr).

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass im Dialekt, anders als im Standard, Pronominaladverbien, die im Standard mit da(r)­ + Präposition oder wo(r)­ + Präposition gebildet werden, auch für Lebewesen und sogar für (+ hum), also auch anstelle von Personalpronomen verwendet werden können. Sie werden daher in unsere Beschreibung einbezogen. Sie werden mit der­ gebildet (falls die Präposition mit Konsonant beginnt) oder mit dr­ (falls die Präposition mit Vokal beginnt), also dermiit, derfoon, drau, drin (damit, davon, darauf, darin). Wenn auf Personen bezogen, stehen sie allerdings für ‘auf ihn, ihm; auf sie, ihr’ etc. Die Bildung mit wo(r) ­ kommt im Dialekt nicht vor. (Zu ihrem Gebrauch siehe unter 6.)

3.1 Vollform des Pronomens – Klitikon

Das Passeiertal liegt im mittleren der drei Nord-Süd-Streifen, die sich in Lexik und Phonologie aus dem Tiroler Sprachatlas ergeben (Meraner/Oberhofer 82), und teilt bald Besonderheiten mit dem Westen: fluige gegenüber floige (Fliege), knialn für kniadn (knien), bald mit dem Osten: pfoat(e) gegenüber hemat (Hemd), des gegenüber es (ihr). Letzteres, der alte Dual ös, im östlichen Südtirol eben mit dentalem Anlaut, hat hier seine westliche Grenze, und das weiter westlich verbreitete sui für die 3. Pl. reicht nicht bis in dieses Tal. Insgesamt weist der Passeirer Dialekt meist dieselben Vollformen der Pronomen auf wie die benachbarten Dialekte, wie sie bei Scheutz 2016 (Insre Sproch,75 – 79) beschrieben sind.

Interessant sind zwei Unterschiede zu den benachbarten Dialekten. Während in einigen anderen Varietäten eine d-Epenthese statt eines schwa vor der Endung -n die Erhaltung der Silbenstruktur garantiert (di nuidn haiser – ‘die neuen Häuser’, maadn – ‘mähen’), ist dies beim Dialekt des Passeiertales nicht der Fall, wohl aber kommt diese Epenthese bei den Klitika zum Tragen, wie wir gesehen haben, wo die anderen Varietäten sie nicht haben: hɔschidn kseechn? gegenüber hɔschn kseegn? (hast du ihn gesehen?).

Die Reduktion, die zu den klitischen Formen der Pronomen und Determinanten führt, erfolgt in erster Linie durch die Kürzung der Langvokale und die Monophthongierung der Diphthonge sowie ihre Abschwächung zu schwa, welches, je nach Position im Wort, auch als i, sozusagen als i-schwa erscheinen kann, wie es ja auch im Alemannischen vorkommt (Nübling 92,15). In Affektäußerungen kann – vor allem vor -r, aber auch vor -s – ein a-schwa auftreten. Die aus dieser Reduktion resultierenden Silben können weder einen Wort- oder Satz- noch einen Kontrastakzent tragen, während die Vollform zwar auch oft unbetont auftritt, allerdings jeden Akzent tragen kann, außer die 3. Sg. neutr. es, welches nur als Subjekt im Vorfeld vorkommt und immer tonlos ist. Der Vokal des Klitikons kann bei allen Formen vor vokalischem Anlaut des folgenden Wortes elidiert werden.

Welche der bei Nübling aufgezeigten Formen von Sandhi in diesem Dialekt vorkommen, haben wir bereits oben gesehen. Und dass Assimilierungen auch die Träger betreffen können, ist an den obigen Beispielen gut sichtbar. Die Tabellen zeigen, welche Ergebnisse sich dadurch bei der Klitisierung der Pronomen ergeben. Die folgenden Beispiele sollen zeigen, in welchen Nachbarschaften die einzelnen Allomorphe entstehen.

1. Sg.

(6) Hel weer-e woll wissn! (das werd ich doch wissen!)

(7) Sel weer-i epper vergessn hoobm (das hab ich wohl vergessen)

Das -i in (7) steht in scheinbarem Widerspruch zu den oben angeführten phonetischen Regeln. Dafür lassen sich zwei Erklärungen finden. Einmal ist es das Fehlen der Junktur; da die Rede hier ohne Glottisverschluss ansatzlos weitergeht, kommt das Klitikon in eine Position, in welcher die tonlose Silbe so wie im Wortinneren behandelt wird. Mit Glottisverschluss könnte in (7) allerdings auch schwa stehen:

(7 a) Sel weere ʔepper vergessn hoobm

Diese Form ist jedoch äußerst selten, denn hier wäre eher Elision zu erwarten und in bestimmten Konstellationen würde sie auch eintreten: willsch-e epper → willsch’epper (willst du wohl), wert-se epper → werts’epper (wird sie vielleicht); demgegenüber würde *sel weer’epper … so aussehen, als wäre das Subjekt vergessen worden. Dabei könnte es sich auch um die 3. Sg. Konj. I handeln, z. B. sel weer epper nit giën (das werde wohl nicht gehen) .

Das Objektsklitikon dieser Person kann wie das der 2. Sg. und das der 3. Sg. fem., also die Klitika, deren Vollform auf -ii ausgeht, mit -i oder mit schwa erscheinen, wobei die phonetischen Regeln im Inlaut und im gedeckten Auslaut immer gelten, während im absoluten Auslaut einerseits die Folgesilbe – wie wir oben bei (1) und (2) gesehen haben – andererseits die Silbenstruktur des Trägerwortes eine Rolle spielen könnte, zumal bei einsilbigem Träger häufiger die Form mit -i auftritt.

(8) ii hɔ-mi nit gipsuntn (ich) hab micht nicht (daran) erinnert)

(9) tsem hɔn-i-me kforchtn (da hab ich mich gefürchtet).

Allerdings kann das auch von Sprecher zu Sprecher variieren.

Beim Dativ -mer greift die Regel mit schwa vor -r, die absolut ist.

2. Sg.

(10) hɔsch-e gessn? (hast du gegessen?)

(11) hɔsch-is gessn (hast du es gegessen?)

Diachron betrachtet entsteht die Personalform der 2. Sg. durch die Assimilation von st zu sch. Allerdings wird s vor t und p auch im Silbenauslaut immer als sch ausgesprochen. Wann und wie der Wegfall des dentalen Anlautes am Pronomen erfolgt ist, ist wohl nicht mehr zu klären, ob das gleichzeitig mit dem des -t der Verbendung geschah oder in einer zweiten Phase. Bei älteren Sprechern ist in der Emphase gelegentlich noch das Endungs-t der Personalform zu hören:

(12) duu muascht-mer helfn > duu muaschp-mer helfn (du musst mir helfen).

In den benachbarten Dialekten würde weder in (10) noch in (11) ein Vokal stehen; dort würde es lauten: hɔsch gessn?, hɔschs gessn? Im Dialekt des Passeiertales muss das Klitikon der 2. Sg. als Vokal erscheinen, denn es handelt sich um einen jener konservativen Taldialekte, der die schwa-Apokope der zentraleren Dialekte nicht vollzogen hat. Nur vor folgendem Vokal kann jener des Klitikons durch Elision getilgt werden.

(13) ii hɔn-di kseechn (ich hab dich gesehen), im Ggensatz zu:

(14) zem hɔn-i-de kseechn (da hab ich dich gesehen).

Nach Vokal oder stimmhaftem Konsonant lautet das Objektsklitikon dieses Pronomens mit d- an, nach stimmlosem Konsonant mit -t.

Auch hier Beispiele, die den Einfluss der Silbenstruktur zu belegen scheinen:

(15) tsem muasch-i-de gitaischt hoobm (da musst du dich getäuscht haben)

(16) duu muasch-ti gitaischt hoobm (du musst dich getäuscht haben).

Bei muaschide fällt im Subjektklitikon der 2. Sg. der Dental weg. Diachron gesehen sind es sogar zwei Dentale, die ausfallen.

3. Sg. mask.

(17) tɔrfer sel schun? (darf er das wirklich?)

(18) sel mɔk-se lai (das soll sie doch nur)

(19) wenn-si-der-s pringk (wenn sie dirs bringt)

Die mask. und fem. Subjektklitika der 3. Sg. in den Beispielen (17) – (19) entsprechen den phonetischen Reduktionsregeln; bei eer tritt nur die Kürzung zu schwa vor -r ein.

Für Dat. und Akk. der 3. Sg. mask. gibt es, wie wir oben gesehen haben, je nach Nachbarschaft, drei verschiedene Formen: -in, silbisches ‑n (-), und ‑dn (-dn̩).

Als “neutrale” Form müssen wir -in annehmen, das jedoch nur nach Nasal auftritt, da es nach den meisten Konsonanten durch Synkope zu (silbischem) - wird, nach Labial zu -m̩. Nach Vokal jedoch wird es durch d vom Träger oder einem vorangehenden Klitikon in der Kette abgegrenzt:

(20) wenn-in uans sik (wenn ihn jemand sieht)

(21) sii hɔt-n kseechn (sie hat ihn gesehen)

(22) four-er-n eppis oontuat (bevor er sich etwas tut)

(23) wou-si-dn woll mɔk? (ob sie ihn wohl mag?)

(24) gipsch-i-dn in luan (gibst du ihm den Lohn)

So wird in (23) und (24) durch Epenthese der Hiatus vermieden und der Silbenwert erhalten.

3. Sg. fem.

Die fem. Form dieses Pronomens erfährt als Subjektsklitikon bloß die Abschwächung des Vokals zu schwa oder -i, wie wir gesehen haben.

(25) wia-se draukfoorn isch (im Moment, als sie es anfasste)

(26) hoobm-si-se nou gikhennt? ((haben sie sie noch gekannt?)

(27) sii solltn-er-s geebm ( sie sollten ihr es gegeben)

(28) sel miat-is-er lɔssn (das müsst ihr ihr lassen)

3. Sg. neutr.

Die neutr. Vollform tritt, im Unterschied zu den beiden anderen, nie nachgestellt auf, sondern immer nur das Klitikon s.

(29) geats engkh guat? (geht es euch gut?)

Auch dieses wird jedoch am palatalen Reibelaut sch assimiliert, sodass es in diesem aufgeht:

(30) wou isch s-heftl? doo ahia isch-ø nit (wo ist das Heft? Hier herüben ist es nicht).

(31) duu muasch-[ø] hɔlt suachn (du musst [es] halt suchen).

(32) tsem muasch-is hɔlt suachn (dann musst du es eben suchen).

(33) wia-dis-is gearn hap (wie ihr es gerne hättet)

In (31) kann suachn intransitiv sein oder transitiv mit Fernklise und verstecktem Klitikon an muasch; hier tritt das ein, was Nübling (15 f.) für das Zürichdeutsche beschreibt, nämlich, dass das Klitikon im Träger aufgeht: “zürichd. [pošt] ‘die Post’”. In (11) steht lautgerecht hɔsch-is (hast du es), da ja das schwa (als Klitikon von duu) im gedeckten Auslaut als -i‑ erscheint. (33) wiederum ist ein Beispiel dafür, dass auch das Klitikon von es, das sonst immer nur als -s erscheint, nach s- und ts- (siehe wia lets-is in 4.) mit Vokalepenthese angeschlossen werden muss.

1. Pl.

Zur 1. Pl. haben wir bereits einiges vorweggenommen. Hier können auch starke Verkürzungen stattfinden:

(34) gia-mer (gehen wir)

(35) raum-mer (räumen wir)

(36) sel kem-mer nit tian (das können wir nicht tun)

Während bei (34) nur der Nasal der Verbalendung von der Assimilation betroffen ist – gian-mer – fällt bei (35) das gesamte Flexiv des Verbs der Elision zum Opfer raumin-mer und bei (36) ist auch noch der Verbalstamm betroffen: kennin-mer → kenni-mer → kemmer. Interessanterweise findet bei kemmin (kommen) eine so starke Kontraktion nicht statt, sondern es heißt dann kemmi-mer. Dass dieses Pronomen in den Kasus obliqui kein Klitikon hat, haben wir bereits gesehen.

2. Pl.

Die 2. Pl. bildet, wie wir gesehen haben, ebenfalls nur im Nom. ein Klitikon.

(37) iats geat-is oochn! (jetzt geht ihr hinunter – geht jetzt hinunter!)

(38) wenn-dis-n sek (wenn ihr ihn seht)

(39) gep-is sel hee? (verkauft ihr das?)

(40) sɔk-is-er, sii soll khemmin (sagt ihr ihr, sie soll kommen)

Nach dem stimmlosen Verschlusslaut der Verbalendung (37, 39, 40) oder eines anderen Trägers – pɔlt-is (sobald ihr) – erscheint das Klitikon ohne dentalen Anlaut, nach Nasal (38) oder l und r – wail-dis, four-dis (weil ihr, bevor ihr) – bleibt der stimmhafte Dental erhalten. Was die Kasus obliqui betrifft, gilt dasselbe wie für die 1. Pl.

3. Pl.

Die 3. Pl. weist nur im Nom. und Akk. ein Klitikon auf, welches dieselbe Form hat wie die 3. Sg. fem.

Zusammenfall von Formen

Durch Elision entstehen homophone Klitika von es und sii:

(41) hɔsch-i-se iimile geebm? > hɔsch-is’iimile geebm? (hast du sie ihnen gegeben?).

Wäre das Objekt ein Neutrum, würde das Klitikon gleich lauten:

(42) hɔschis iimile geebm? (hast dus ihnen gegeben).

Schriftlich können wir durch das Auslassungszeichen beim Ersteren die Elision andeuten.

Auch das -s von -si, -se (sie) wird nach isch (ist) assimiliert:

(43) wou isch-e? (wo ist sie?)

Wie wir sehen, kommen alle Formen von Assimilation vor. Dies betrifft neben der Wortbildung auch Flexion und Klise.

Gelegentlich werden zur Vermeidung von Hiatus oder Elision in der klitischen Kette die Morpheme auch durch Vokalepenthese voneinander abgegrenzt:

(44) hɔt-si-se/hɔt-si-s rentiart? (hat es sich rentiert?).

Auch hier haben wir homophone Klitika für es und sii. Das bringt allerding keine Zweideutigkeit mit sich, da man ja weiß, worauf das Klitikon anaphorisch verweist.

iire

Beim Indefinitpronomen iire (welche, deren), das von einem älteren, im Standard noch erhaltenen Genitiv “ihrer” kommt, handelt es sich um ein anaphorisches Pronomen mit partitivem Charakter; es verweist auf einen Teil einer vorher genannten zählbaren Größe.

Wenn in einem Rezept von Eiern die Rede ist, kann jemand sagen:

(45) sel nimm-i iire (davon nehme ich welche)

Und wenn die Zahl genannt wird, dann wird es heißen:

(46) ii nimm-er a zwoa, drai (ich nehme deren/davon zwei oder drei)

Man kann auch sagen:

(47) ii hatt-er nou a poor (ich hätte noch etliche davon).

man

Zu man wird das Klitikont ‑min gebildet, das Assimilationen hervorruft, wenn der Dental der Personalendung des Verbs an den Nasal des Klitikons stößt:

(48) sel tuat-min oft > sel tuap-min oft (das ut man oft).

Und die Assimilation kann auch noch weiter auf den Stamm des Verbs vorgreifen:

(49) muant-min > muamp-min (meint man).

Dasselbe Phänomen kann auch bei Konjunktionen als Trägern erscheinen:

(50) wenn-min > wem-min (wenn man).

In den Kasus obliqui wird man durch uan ersetzt – wie im Standard –, was auch im Nom. möglich ist:

(51) wem-min khrɔnkh isch, dunkt uan nicht guat
(wenn man krank ist, schmeckt einem nichts)

(52) doo khɔnn uans nicht tian (da kann man/einer nichts tun).

si

Das Reflexivum si kommt nur als Klitikon im Akkusativ als -se vor; der Dativ wird durch die entsprechende Form des Personalpronomens ersetzt, vergl. oben (22).

4. Distribution und Selektivität

Als eines der wesentlichen Merkmale, die Klitika von Flexionsendungen und anderen Affixen unterscheiden, wird neben den oben bereits genannten Kriterien die geringe Selektivität Ersterer gegenüber ihren Trägern hervorgehoben. Das heißt allerdings nicht, dass Klitika sich an jedes beliebige Wort anschließen können. Wenn Schiering als Idealfall “die klitische Form s des Pronomens es im Deutschen” erwähnt, die sich an jedes beliebige Wort anlehnen können soll (Schiering 2002,13), so scheint mir das zu allgemein formuliert, und es gilt sicher nicht für die Klitika der hier besprochenen Varietät.

Als Träger kommen im Dialekt des Passeiertales zunächst dieselben Kategorien infrage wie im Standard, allerdings z.T. auch andere:

  1. Personalpronomen, und zwar sowohl Vollformen als auch Klitika: will eer-se/will-er-se (will er sie/will er sich); giib miar-s/giib-mer-s (gib mirs); sii wert-n-s schun soogn (sie wird ihm es schon sagen/sie wirds ihm schon sagen). Dies ist allerdings nur bei nachgestelltem Pronomen möglich.
  1. Verbum finitum, und zwar sowohl Vollverben als auch Modal- und Hilfsverben: reegnt-s) (regnet es), muas-is (muss es), isch-e (ist sie), håt-er ksɔk (hat er gesagt), siksch-i-dn? (siehst du ihn?);
  1. Unterordnende Konjunktionen: wenn-s gang (wenn es ginge); wail-se doo sain (weil sie/während sie da sind); dass-ti-der-s merkhsch (dass du dirs merkst); four-er-n-s iiberlek (bevor er ihms/[sichs] überlegt); pɔlt-si-dn heart (sobald sie ihn hört); dernooch-tis derwischsch (je nachdem, wie du es erwischst), khɔns-ter lets gian (kann es dir schlecht ergehen) Zu beachten, dass wail sowohl ‘weil’ als auch ‘während’ bedeutet, also sowohl Kausal- als auch Temporalsätze eileiten kann, und dass wou sowohl ‘wo’ als auch ‘ob’ bedeutet. .
  1. Fragepronomen und -Partikeln: weer-s glap (wer es glaubt); wenn-er epper khimp (wann er wohl kommt); wia-dn des kfɔllt! (wie ihm das gefällt!; wou-se woll innerkhimp? (ob sie wohl/wo sie wohl hereinkommt?);
  1. Relativpronomen: den-er-mer nit geebm will (den er mir nicht geben will); dee-dis ins schuldik sait (die ihr uns schuldet); des-se nit vergessn soll (das sie nicht vergessen soll);
  1. Relativadverbien: wouhiin-di-se tuasch, isch miar glaich (wohin du sie tust, ist mir gleichgültig);
  1. wia +Adverb oder Adjektiv: wia lets-is uan geat (wie schlecht es einem geht); wia reasch-ti-s derrennsch (so schnell du laufen kannst); wia fain-dis-is Die beiden Beispiele mit -is für das Klitikon von -es zeigen die einzige Nachbarschaft: ts- und s-, in welcher diese Form durch Epenthese silbenwertig wird, während sie im palatalen dentalen Reibelaut sch- aufgeht: sch-ø.
    hap (wie angenehm ihr es hättet); wia grɔas-er isch (wie groß er ist); wia schian-se sain (wie schön sie sind). Adjektive und Adverbien können nur in Kombination mit wia als Nebensatzeinleiter zum Kliseträger werden. Der Form nach handelt es sich dabei meist um indirekte Fragesätze, sie können aber auch Verwunderung und Staunen ausdrücken. Bei wia reasch-ti-s derrennsch allerdings handelt es sich um einen Vergleichssatz, z.B. renn, wia reasch-ti-s derrennsch! (lauf, so schnell du [laufen] kannst!). Auch andere komplexe Satzeinleitungen können als Träger fungieren: as wia wenn-si-dn vergessn hattn (als ob sie ihn vergessen hätten).

Aus der Liste wird klar ersichtlich, dass es sich außer bei 1. und 2. immer um Einleitungen zu Sätzen mit Verbletztposition handelt. Dabei muss man wia + Adv. oder Adj. als Einheit betrachten. Im Dialekt – wie übrigens auch im mündlichen Substandard – wird wail häufig nicht mit Verbletzt kombiniert und kann dann auch nicht zum Kliseträger werden: wail: miar hoobm sel schun giwisst (denn: wir haben das schon gewusst).

5. Semantik

Wie in der Literatur allgemein hervorgehoben wird, unterscheiden sich Klitika semantisch nicht grundlegend von der Vollform (siehe auch Nübling 93,99). Am Beispiel von “im” weist sie jedoch nach, dass der Skopus des enklitischen Artikels eine geringere Reichweite hat als die Vollform, indem es den Anschluss eines Relativsatzes nicht erlaubt. Auch Cardinaletti und Starke erwähnen mehrfach die geringere “range” schwacher und klitischer Pronomen. Diese Beschränkung gilt möglicherweise auch für die Klitika des Passeiertales. Zwar könnte man mit Bezug auf ein Fahrrad sagen: hɔsch-i-s nou, des-te feert gikhaaft hɔsch? (hast du es noch, das du voriges Jahr gekauft hast?). Dabei handelt es sich um einen “nicht nötigen” Relativsatz, denn der Referent des Klitikons muss ja schon eingeführt sein. Und eher würde man auch sagen: hɔschi sel nou …?

Das bedeutet, dass wir, was die semantisch-funktionalen Eigenschaften der Klitika betrifft, dieselben Verhältnisse haben, wie Schiering sie für das Ruhrdeutsche beschreibt: “Das Klitikon wird ausschließlich dann benutzt, wenn der Referent bereits in den Diskurs eingeführt ist bzw. wenn er als bekannt vorausgesetzt wird.” (Schiering 2002,30) Es ist durchaus möglich, dass auch die Vollform eines Pronomens nachgestellt erscheint. Dafür gibt es aber dann entweder satzphonetische Gründe oder es geht um Kontrastierung oder um eine besondere Hervorhebung: sel hon ii schun verschtɔntn, ober… (das hab ich schon verstanden, aber …); woos tuasch tuu? (was tust du?).

6. Syntax

Vieles von dem, was bei Altmann und Nübling zur Morphologie und Syntax der Klitika gesagt wird, trifft auch für diesen Dialekt zu. So können z.B. alle bei Altmann (205) angegebenen Folgen von Klitika an einem Träger vorkommen, wie bereits aus den obigen Beispielen ersichtlich, auch ganze Ketten von drei Klitika:

(53) wenn-i-der-­s dertseil (wenn ich dirs erzähle),

doch gibt es gelegentlich kleine Abweichungen. So schließt Altmann für seine Varietät(en) das Relativpronomen als Kliseträger aus, während es in unseren Beispielen häufig sowohl als Subjekt wie auch als Objekt in der Trägerposition vorkommt:

(54) deer-der-se geebm hɔt (der dir sie gegeben hat).

Das scheint anzudeuten, dass die Klitika im Dialekt des Passeiertales einen noch geringeren Grad an Selektivität aufweisen als in manchen anderen Mundarten.

Und, wie oben angedeutet, reicht die Zweiteilung Vollform – Klitikon nicht ganz aus, denn es gibt Pronomen, die nicht allen Kriterien einer Vollform gerecht werden, obwohl es sich nicht um Klitika nach den oben angegebenen Kriterien handelt. Das bei Cardinaletti sowie bei Cardinaletti/Starke (beide 99) beschriebene Drei-Klassen-System Zwar werden in den Peer Reviews zu Cardinaletti/Starke (im selben Band) erhebliche Zweifel an den syntaktischen Zuschreibungen zu den einzelnen Kategorien von Pronomen geäußert, die Dreiteilung jedoch wird allgemein akzeptiert. lässt sich also auch auf das Deutsche und natürlich auch auf die hier beschriebene Varietät anwenden. Neben Vollform und Klitikon führen sie auch eine Klasse von Pronomen als “schwache” oder “klitika-ähnliche Pronomina”. Als Beispiel für diese Zwischenform führen sie die Form der 3. Pl. fem. esse im Italienischen an:

<+hum><-hum>
a.Esse (*e quelle accanto) sono troppo alte.
b.Loro (e quelle accanto) sono troppo alte.*
3PL, FEM, NOM (and those besides) are too tall/high

(Cardinaletti/Starke 145)

Wir haben es hier mit zwei morphologisch verschiedenen Pronomen zu tun, die dieselbe Person (3. Pl.), dasselbe Genus (fem.) und denselben Kasus markieren, die jedoch in ihrer Verwendung sehr unterschiedlich sein können. Während (1) b. – bei Cardinaletti/Starke das “starke” Pronomen – koordinierbar, aber nur auf <+hum> Subjekte anwendbar ist, kann (1) a. nicht koordiniert werden, ist jedoch sowohl auf <+hum> als auch auf <-hum> Größen anwendbar. In vielen Sprachen, u.a. auch im Deutschen, handelt es sich sogar um homonyme und homophone Pronomomen:

<+hum><-hum>
a.Sie sind groß.
b.Sie und die daneben sind groß.*
they and those besides are tall/big

(Cardinaletti/Starke 146)

Dieselbe Klassifizierung trifft auch auf den hier beschriebenen Dialekt zu und auch die Beschränkungen, wie in den Beispielen von Cardinaletti/Starke. Wenn wir als Referenz für die 3. Pl. fem. ‘Säulen’ nehmen, dann können wir zwar entsprechend (4) a. sagen: sii sain hɔach (sie sind hoch), aber nicht: *sii und disem/deedn (unteedn) derneebm sain hɔach. Das bedeutet, dass der Referent <+hum> oder <-hum> entscheidend dafür ist, ob das Pronomen kombinierbar oder kontrastierbar ist, und damit auch, ob es betonbar ist. Zwar bleibt es, wie bei Nübling hervorgehoben, immner noch ein Sonderfall, weil es auch auf <+hum> Subjekte verweisen und trotzdem nicht koordiniert und betont werden kann, aber wir haben jetzt eine ganze Klasse mit einer solchen Einschränkung, weshalb Cardinaletti/Starke sie als “schwache” oder “klitika-ähnliche Pronomina” klassifizieren.

Der Unterschied in den Beschreibungen des Phänomens ist daher zu erklären, dass die generative Linguistik auf der Suche nach strukturellen Universalien stärker die syntaktischen und distributionellen Eigenschaften untersucht, während in der Beschreibung deutscher Varietäten vor allem die auffälligen morphologischen und phonologischen Regularitäten im Vordergrund standen. Dies trifft schon auf die Darstellung des Systems der Klitika in einem mittelbairischen Dialekt bei H. Altmann (1984), wie eben dann auch bei Nübling zu, die sowohl den Standard als auch die Umgangssprache und das Alemannische beschreibt, sowie später bei R. Schiering in der Beschreibung des Systems der Klitika im Ruhrdeutschen.

Peter Gallmann erstellt anhand der Darstellung bei Cardinaletti/Starke ein sehr übersichtliches Schema zu Form, Syntax und Semantik der vollen und reduzierten Pronomen. Dabei lässt er “defektiv"nur für wörtlich reduzierte Pronomen gelten, und ersetzt es im Übrigen durch “reduziert”. Wenn Gallmann für volle Formen präzisiert, dass sie " auf [+belebt], genauer meist [menschlich]” beschränkt sind, so ist dies eine treffende Ergänzung auch für unseren Fall, denn tatsächlich könnten im Dialekt Vollformen auch auf Tiere angewandt werden. Wenn jemand z.B. einen Rüden und eine weibliche Hündin hat, ist es durchaus möglich, dass er sii und eer kontrastiv verwendet.

Für unseren Bereich haben wir nun folgende Situation: Neben es, das auf jeden Fall einen Sonderfall darstellt, da die Vollform nur im Vorfeld stehen kann, während nachgestellt nur das Klitikon möglich ist – weshalb all die Standardbeispiele von Gallmann für die Wackernagelposition (Gallmann,5f.) im Dialekt nicht möglich sind, haben wir für die 3. Sg. und Pl. morphologisch identische Formen, die nach der Klassifizierung von Cardinaletti/Starke als “starke Pronomina” zu bezeichnen sind, wenn sie sich auf Personen beziehen. Nur in diesem Fall sind sie nämlich syntaktisch uneingeschränkt einsetzbar: sie können betont und koordiniert werden. Die beiden stellen folgende Regel auf (152f.): “Die starke Form (des Pronomens) ist dort nicht möglich, wo die defektive stehen kann, und sie kann dort stehen, wo die defektive aus folgenden Gründen ausgeschlossen ist: durch Kontrastakzent (…), bei Begleitung durch einen Zeigegestus, durch Koordination oder durch eine Ergänzungsbestimmung.” Daraus ergibt sich für sie der Schluss, dass bei der Wahl des Pronomens immer “die schwächst-mögliche Form” zu nehmen ist. Da in unserem Fall die schwache oder defektive Form mit der starken lautlich identisch ist, können wir nur im Umkehrschluss bestimmen, um welche Form es sich in einem gegebenen Fall handelt.

Ein indefinit-spezifischer Gebrauch (Gallmann,3) ist auch im Dialekt nur für die reduzierte Form gegeben:

(55) sii soogn, iats weer ɔlls tuirer (sie sagen [= man sagt], jetzt werde alles teurer).

Hier können natürlich nur Personen einer unbestimmten Gruppe gemeint sein.

Dasselbe trifft auch für den indefinit-generischen Gebrauch (Gallmann,3) von Pronomen zu:

(56) Sii hoobm in dorf kuan tellifoon khɔp (sie haben im Dorf kein Telefon gehabt)

Hier ist keine Kontrastierung oder Koordination möglich. So auch beim Folgenden:

(57) duu khɔnnsch tian, wia-de willsch: es geat nit (du kannst tun, wie du willst: es geht nicht)

Bei Fokuspartikeln “tritt der Belebtheitseffekt ein” (Gallmann,4), sie erlauben also nicht die Verwendung reduzierter Formen:

(58) sel isch sogoor iir pɔssiart (das ist sogar ihr passiert)

Was Gallmann zu Sprechen über Sprache sagt, trifft natürlich auf den Dialekt genauso zu wie auf den Standard:

“Man sagt nicht ER regnet, sondern ES regnet.” (Gallmann,4)

Zu es ist noch zu ergänzen, dass es sich zwar auf Personen beziehen kann, z. B. Kinder oder Diminutiva von Erwachsenenbezeichnungen, dass jedoch die Betonung nur dadurch ermöglicht wird, dass das grammatische Geschlecht durch das biologische ersetzt wird, wodurch dann wieder der Gebrauch der Vollform des männlichen und weiblichen Pronomens möglich wird: s-maadilesii (das Mädchen –sie), s-mandleer (das Männchen – er).

Aus dem Bisherigen geht auch klar hervor, dass sich der expletive Gebrauch des Pronomens in diesem Dialekt nicht von dem im Standard unterscheidet und nur das reduzierte Pronomen bezw. das Klitikon erlaubt:

(59) es faaln iir tswoa tsende (es fehlen ihr zwei Zähne)

(60) as isch decht dar taifl! (es ist doch zum Teufelholen!)

Dasselbe gilt für den Dativus ethicus:

(61) des glaasl tɔrfsch-i-mer nit fɔlln lɔssn (das Glas darfst du mir nicht fallen lassen).

Auch man und dessen Ersatzpronomen für die Kasus obliqui uander, uane, uans (einer, -e, ‑es) sind schwache Pronomen, die nicht betont oder koordiniert werden können, und Letztere können auch nicht im Vorfeld stehen:

(62) *man und ɔndere (man und andere)

(63) des tuat man nit (das tut man nicht)

(64) *man tuat des nit (*man tut das nicht)

Zwar kann man auch in Subjektsposition durch uans ersetzt werden, aber dann kann es nicht im Vorfeld stehen:

(65) man khɔn doo nit plaibm (man kann hier nicht bleiben)

(66) *uans khɔn doo nit plaibm

(67) doo khɔn uans nit plaibm

Was die Wortstellung betrifft, folgen die Pronomen denselben Regeln wie andere NP. Und bei Verbendstellung ist die normale Wortstellung im Dialekt wie im Standard: wenn siis iir geebm (wenn sie es ihr geben), aber in der Klise kommt das indirekte Objekt vor dem direkten, also Dat. vor Akk., wie dies auch im Alemannischen der Fall ist: Wänn=er=em=s git (wenn er es ihm gibt), (Nübling 93,6). (Abraham/Wiegel 1993,41)

Erscheint das Dativobjekt jedoch in der nachgestellten Vollform, kommt wieder Akk. vor Dat., also das direkte Objekt vor dem indirekten: duu muasch-er-s soogn (du musst ihr es sagen) → duu muasch-ø iir soogn (du musst es ihr sagen).

Auch hier haben wir dieselben Verhältnisse, wie sie für die deutschen Mundarten in Tschechien beschrieben sind: “Wenn alle drei Personalpronomen klitisiert werden, ist die Reihenfolge immer Subjekt – indirektes Objekt (Dativ) – direktes Objekt (Akkusativ), wie auch schon für das Nordbairische beschrieben.” (Bachmann 2005,71)

Dass die entsprechende Wortstellung auch im Italienischen gilt – gliel'hai dato? ([du] ihm es hast gegeben?), lässt in Anbetracht der Verhältnisse bei den übrigen deutschen Dialekten denVerdacht einer Beeinflussung von außen erst gar nicht aufkommen.

Personaladverbien können wie im Standard sowohl mit Zeigefunktion als auch anaphorisch und kataphorisch gebraucht werden. Während sie im Standard nicht auf Einzellebewesen, sondern nur auf Dinge, Ereignisse und Gruppen von Lebewesen angewendet werden können, können sie im Dialekt auf einzelne Lebewesen und sogar Personen verweisen. Wenn jemand den Michl nach der Hilde fragt, kann er sagen:

(68) ii pin dermiit huamgɔngin (ich bin mit ihr heimgegangen).

Und jemand kann erzählen, dass er den Luis gefragt hat, und dann fortfahren:

(69) ober ii hɔn nicht drauskiproocht (aber ich hab aus ihm nichts herausgebracht).

Auch Fokussierung ist möglich:

(68) er hɔt-n kfrɔk, ober drauskiproocht hɔt-er nicht (er hat ihn gefragt, aber herausgekriegt hat er aus ihm nichts)

7. Vergleiche

Aus dem Bisherigen ist schon klar geworden, dass die Klise in dem hier besprochenen südbairischen Dialekt in vielen Einzelheiten von den in der gesichteten Literatur beschriebenen Verhältnissen abweicht. Das ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass bereits in benachbarten Dialekten z.T. auffallende Abweichungen auftreten. Hier sollen einige Unterschiede zu diesen Dialekten sowie zu den in den in der Literatur beschriebenen Varietäten aufgezeigt werden.

Was bis hierher beschrieben ist, ist der Basisdialekt, wie er bis vor 30–40 Jahren gesprochen wurde und heute noch von den über 50-Jährigen weitgehend gesprochen wird. Bei den Jüngeren, die viel stärker verschult sind und viel mehr Kontakt nach außen haben, gibt es eine gewisse Variationsbreite, die das Eindringen standardnäherer Formen, oder zumindest solcher, die in Richtung der stadtmundartlicher Varianten gehen, erkennen lässt. Die vielen jungen Leute, die einen Teil ihrer Ausbildung in der Stadt absolvieren, wo sie mit Jugendlichen aus anderen Landesteilen zusammenkommen und auch den städtisch geprägten Dialekt aufnehmen, bringen dies als Neuerung auch ins Tal. Aus den in “Insre Sproch” und dem damit verbundenen “sprechenden” Dialektatlas (Scheutz 2016) dargestellten Erhebungen gehen deutliche Unterschiede zwischen den Generationen hervor, aber es zeigt sich gelegentlich auch ein starkes Beharrungsvermögen.

Der markanteste Unterschied zwischen diesem und vielen benachbarten Dialekten ist, dass Letztere das Klitikon der 2. Pl. zum Flexiv dieser Personalform weiter entwickelt haben: khemps es, geats lai ausi (kommt[ihr] ihr?, geht[ihr] nur hinaus). Hier stimmen viele südbairische Dialekte mit dem Mittelbairischen überein, wie es bei Altmann dargestellt wird. Dass die Entwicklung von der Vollform des Pronomens über das Klitikon zum Flexiv auch in diesen Varietäten noch nicht ganz abgeschlossen ist, zeigen quasi-elliptische Sätze wie: hɔp-s iimene eppes geebm? (habt ihr ihnen etwas gegeben?). Wo jedoch die Vollform des Pronomens mit dieser erweiterten Verbalendung kombiniert vorkommt – vor allem auch noch in Verbendstellung, wo kein Klitikon angeschlossen sein kann – kann es sich nur um eine Flexionsendung handeln: sollets es nit schun entn sain? (solltet ihr nicht schon drüben sein?); woos es iimene geps, isch miar glaich (was ihr ihnen gebt, ist mir egal). Eine solche “Doppelung” gibt es im besprochenen Dialekt auch bei der jüngeren Generation nicht.

Ein weiterer Unterschied zu bereits städtisch geprägten Varietäten ist in der Wortstellung zu finden: wo dieser Basisdialekt bei den Klitika durchgehend indirektes Objekt vor direktem (Dat. vor Akk.) erhalten hat: giib-er-s! (gib ihr es!), hat sich bei Ersteren in vielen Konstellationen die umgekehrte Stellung durchsetzt: giib-s iir! (gib es ihr!). Hier ist allerdings nur mehr die Klitisierung des direkten Objekts möglich, das indirekte Objekt muss in der Vollform ausgedrückt werden.

Abraham/Wiegel (93,41 f.), die sich ausführlich mit dieser Problematik auseinander setzen, kommen hier zu folgendem Schluss:

“Aus der Zusammenschau der niederländischen und deutschen Beispiele geht hervor:

(89) daß das Deutsche und das Niederländische für unklitisierte Pronomina die Abfolgeregel DO+IO haben;

(90) daß Klitisierung an das IO zwangsläufig in beiden Sprachen zur Abfolgeregel IO+DO führt, d.h. Klitisierung betrifft in erster Linie immer die DO-Form, nicht die IO-Form.

(91) daß Klitisierung an die COMP-Position (in dem in Aussagesätzen die finite Verbform steht) zwangsläufig in beiden Sprachen zur Abfolgeregel DO+IO führt, d.h. Klitisierung betrifft wieder die DO-Form, nicht die IO-Form …

(92) Wenn es keinen Kasussynkretismus gibt (z.B. bei zwei gleichen Pronominal-Vollformen), bestimmt die pronominale Regel DO+IO die unmarkierte Abfolge.”

Die obigen Beispiele zeigen, dass die Regeln (89) und (90) auch hier zutreffen, weiters die Feststellung, dass eine einzige Klitisierung immer das direkte Objekt betrifft (Abraham/Wiegl 41), wodurch wieder die Folge Akk. vor Dat. wie bei der Vollform hergestellt wird.

Was jedoch die in den Regeln (91) und (92) zitierten Bedingungen betrifft, stimmen unsere Beispiele nicht mit den bei Abraham/Wiegel beigebrachten Wiener und niederländischen Belegen (36 ff.) überein. Denn auch in der Klitisierung an Konjunktionen und Pronomen, die einen Nebensatz einleiten, wie auch am Verbum finitum im Aussagesatz stehen die Klitika immer in der Abfolge Dat. vor Akk.

Auch ist eine Klitikon-Frontstellung wie Abraham/Wiegel sie für das Montafonerische anführen, in unserer Varietät nicht denkbar:

(46) (d) na-ra a:ro:ta, des ka:sch net ho: vo mia

ihn-ihr anraten, das kannst nicht haben von mir" (A/W 27).

Eine Form von Fernklitisierung, wie sie in dem von Abraham/Wiegel wiedergegebenen italienischen Beispiel von Kayne gegeben ist:

“Non ti saprei dire
NEG du (DAT) wüßte (-ich) was sagen
Ich wüsste nicht, was ich dir sagen soll” (A/W 35)

ist auch in unserem Dialekt möglich:

(69) probiar-n amɔll oontsilaitn (Versuch ihn einmal anzurufen)

(70) tɔrfsch-er nit vergessn di milch tsi geebm ([du] darfst IHR nicht vergessen die Milch zu geben).

Der Unterschied liegt allerdings darin, dass das Klitikon hier zwar direktes oder indirektes Objekt des Vollverbs ist, dass jedoch das Funktionsverb als Träger fungiert.

Eine Übersetzung des Beispiels mit Klitisierung am Fragepronomen eines indirekten Fragesatzes:

Was-a/s eam gestern ge:m hat, hat-a gfragt
was-er/sie ihm gegeben hat, hat er gefragt” (A/W 25)

würde bei uns folgendermaßen lauten:

(71) woos-ern/si-dn geschter geebm hɔt, hɔt-er kfrɔk.

Hier liegt der Unterschied darin, dass in unserem Fall auch das indirekte Objekt klitisiert wird.

Linksadjunktion, wie sie bei Abraham/Wiegel (a.a.O. 26) für das Hochdeutsche und Montafonerische registriert wird, ist in unserem Fall nicht möglich.

Literatur

Abraham, Werner und Anko Wiegel (1993): Reduktionsformen und Kasussynkretismus bei deutschen und niederländischen Pronomina. In: Abraham, Werner/Josef Bayer (Hgg): Dialektsyntax. (= Linguistische Berichte, Sonderheft 5/1993). Opladen: Westdeutscher Verlag, 12 – 49.

Altmann, Hans (1984): Das System der enklitischen Personalpronomina in einer mittelbairischen Mundart. In: Zeitschrift für dialektologische Linguistik, 51. Jg, 1984, 191 – 211.

Bachmann, Armin R. (2005): Selbständige und klitische Personalpronomen in den deutschen Mundarten Tschechiens. http://jahrbuch-bruecken.de/cms/wp-content/uploads/2017/05/bruecken2005_65-72_Bachmann.pdf (28.03.2022)

Cardinaletti, Anna (1999): Pronouns in Germanic and Romance Languages. An Overview. In: Riemsdijk, Henrik van (Ed.): EUROTYP. Vol. 5: Clitics in the Languages of Europe, Part 1 [EALT], Berlin – New York: Mouton de Gruyter, 33 – 82.

Cardinaletti, Anna und Michal Starke (1999): The typology of structural deficiency: A case study of the three classes of pronouns. In: Riemsdijk, Henrik van (Ed.): EUROTYP. Vol. 5: Clitics in the Languages of Europe, Part 1 [EALT], Berlin – New York: Mouton de Gruyter, 145 – 233.

Gallmann, Peter (2019): »Volle« und »reduzierte« Personalpronomen. https://docplayer.org/130832658-Volle-und-reduzierte-personalpronomen.html (28.03.2022)

Haller, Harald und Franz Lanthaler: Passeirer Wörterbuch, 2. Auflage (in Vorbereitung).

Meraner, Rudolf und Monika Oberhofer (1982): Zur Mundart in Tirol. In: Südtiroler Kulturinstitut/Arbeitskreis Südtiroler Mittelschullehrer (Hgg): Dialekt und Hochsprache in der Schule. Beiträge zum Deutschunterricht in Südtirol. Bozen: Athesia, 15 – 41.

Nübling, Damaris (1992): Klitika im Deutschen. Schriftsprache, Umgangssprache, Alemannische Dialekte. Tübingen: Narr.

Nübling, Damaris (1993): Synthesetendenzen im Alemannischen: Die Klitisierung von Artikel und Personalpronomen. In: Schupp, Volker (ed.): Alemannisch in der Regio. Beiträge zur 10. Arbeitstagung alemannischer Dialektologen in Freiburg/Breisgau 1990. Göppingen 1993, 97 – 112.

Scheutz, Hannes (Hg.) (2016): Insre Sproch. Deutsche Dialekte in Südtirol. Mit dem ersten «sprechenden» Dialektatlas auf CD-ROM. Bozen: Athesia.

Schiering, René: Klitisierung von Pronomina und Artikelformen. Eine empirische Untersuchung am Beispiel des Ruhrdeutschen. INSTITUT FÜR SPRACHWISSENSCHAFT UNIVERSITÄT ZU KÖLN, ARBEITSPAPIER NR. 44 (Neue Folge), August 2002.

https://docplayer.org/56978579-Institut-fuer-sprachwissenschaft-universitaet-zu-koeln-arbeitspapier-nr-44-neue-folge-rene-schiering-august-2002.html (28.03.2022)