Dialekt und anderes
Franz Lanthaler
Kiinighoose, Stoaßgair, Graatsche
Tierisches 4: Tiere in der Natur
Unser Dialekt hat selbstverständlich auch eigene Bezeichnungen für Tiere, die nicht zum bisher beschriebenen Fiich, also zu den Nutztieren gehören, sondern die in der freien Natur vorkommen. Dass freilich die Namen von Fux und Peer und Hoose und Mårder nur lautlich geringfügig von den Standardbezeichnungen abweichen, ist bei der Häufigkeit, mit der sie in der Literatur und in den Medien vorkommen, nicht weiter verwunderlich. Aber viele Tierarten haben eigene Namen im Dialekt und gelegentlich gibt es besondere Wörter für ihre Beschreibung oder für Vorgänge, die mit ihnen zu tun haben. Z. B. sagt man, wenn man auf die Fuchs- oder Hasenjagd geht, zin Fux giën oder zi di Gampsn giën, wie man eben auch sagt: miër giën zin Holz oder zin Hai, wenn man zur entsprechenden Arbeit geht. Und wenn es feucht und nebelig war, sagte man a Wetter zi di Hoosn (ein Wetter für die Hasenjagd). Im Schnee kann man auch an Fux oder a Reach ggspiirn. Das heißt nicht, dass man sie spürt, sondern dass man ihre Spuren findet. Fux passn kennen viele im Land. Zunächst einmal kommt es daher, dass die Jäger, wenn sie einen Fuchsbau ausgemacht hatten, den Fuchs dort abpassen konnten. Dann aber ist der Ausdruck weit verbreitet für das Warten auf die Geburt eines Kindes, wenn die Zeit gekommen ist.
Für die Jagd waren natürlich immer schon Reachl und Gampse die beliebtesten Objekte. Während bei der Gämse die Krickler als Trophäe gezeigt werden, sind es beim Reh di Hëirne, denn “Geweih” gibt es im Dialekt nicht. Seit einiger Zeit gibt es bei uns auch wieder den Stuënpock.
Viele Tiernamen sind in allen Tiroler Dialekten vorhanden, ja manche
kann man sogar gesamtbairisch nennen, man denke nur an Kiinighoos(e)
(Kaninchen) von lat. cuniculus
, und zumindest in ganz Südtirol kennt man
den Henningair (Hühnerhabicht). Andere wieder haben in verschiedenen
Dialekten jeweils andere Namen. Man denke etwa an Scheere (Maulwurf).
Der Maulwurf hat in einzelnen Gegenden manchmal auch den hochdeutschen
Namen, z.B. gelegentlich im Vinschgau und Unterland, aber vielfach hat
sein Name mit wühlen zu tun: Wialer, Wialtscher, Wialischa sind
die häufigsten und Wialscheer kommt im Obervinschgau vor, in welchem
beide Elemente, wiëln und Scheere enthalten sind. Aber nur in
Passeier und Schenna ist der alte Name von mhd. schër
voll erhalten
geblieben, wobei die Schenner allerdings der Scheer sagen und wir di
Scheere.
Ein interessantes Wort ist auch Harbmle, Harmile. Es geht auf das
altdeutsche Wort harm
zurück und ist dessen Verkleinerung. Dafür, dass
im Standarddeutschen zwischen Hermelin und Wiesel unterschieden wird,
ist die neuere Fachsprache verantwortlich, welche die beiden Gattungen
unterscheidet. Die Dialekte hat das nicht beeindruckt und sie nennen das
Wiesel weiterhin Harbmle.
Furmente, mit dem besonderen Anlaut f, haben wir mit dem Ötztal und
dem Pitztal gemeinsam, überall sonst heißt das Murmeltier Murmele,
Murmente oder so ähnlich. Alle diese gehen, angefangen beim
Standardwort Murmeltier bis zum mittelbairischen Mankai auf die lat.
Bezeichnung mur(em) montis
(Bergmaus, dekliniert von mus montis
) zurück.
Gejagt wurden sie unter anderem, weil das Furmentnschmålz
(ausgelassenes Murmeltierfett) als Hausmittel hoch im Kurs war. Als
meinem Bruder Luis Anfang der 40er Jahre ein gebrochenes Bein schlecht
verheilt war, hat man den Knochen mit Kuhmist brüchig gemacht, ihn
gebrochen, neu zusammengefügt und und giprigglt (geschient) und dann
mit Furmentnschmålz die Sprödigkeit wieder beseitigt. Wenn die Jäger
zi di Furmentn gingen, haben sie mit Steinen und Rasenstücken Tucker
(Sichtschutz) gipaut, um sich dahinter zu verstecken. Ein alter Spruch
ist auch: wenn di Furmentn Schopp troogn, isch der Schnea niëmer wait.
Bevor die Murmeltiere den Winterschlaf antreten, verschließen sie
nämlich ihre Höhlen mit Pfropfen von Heu. Den Vorrat dafür legen sie an,
indem sie Gras abbeißen und es, wenn es dürr ist, einsammeln und zum
Loch tragen.
Zwei Namen gibt es für die Kröte, nämlich Åckerhottl und Hëitsche. Eine ganz besondere Medizin, zum Einnehmen, wohlgemerkt!, war Hëitschnëil: Öl, in das eine lebende Kröte eingelegt worden war.
Oachhourn oder Oachkatzl ist wieder sehr weit verbreitet; Oacherle, wie anderswo, sagt man bei uns kaum.
Da die Vielfalt unter den Vögeln sehr groß ist, gibt es auch viele entsprechende Namen im Dialekt. Dass der Oodler (Adler) auch Lempergair heißt, hat sicher damit zu tun, dass er manchmal junge Lämmer geholt hat. Überhaupt ist zoologisch gesehen nicht alles Gair, was bei uns so genannt wird. Während der Bartgeier bei uns schon lange ausgestorben war, gab es immer noch den Stoaßgair (Rüttelfalke), Henningair (Hühnerhabicht), den Mausgair (Bussard) und nicht zuletzt auch noch den Påppigair (Papagei). Während alle anderen Gaire Greifvögel bezeichnen, verdankt der Påppigair seinen Namen der Tatsache, dass der zweite Teil, nämlich -gai, an sich bedeutungslos erschien, sodass man ihn sinnvoll umgewandelt hat. Übrigens sagt man im Außerpasseier eher Gaijer, im Hinterpasseier Gair.
Neben Råppe gibt es vor allem zwei Rabenvögel mit eigenen Namen, nämlich Kroone (Krähe) und Toochte (Dohle oder Saatkrähe). Eine Besonderheit unseres Dialekts ist es, dass Kroone in der Mehrzahl kürzer ist als in der Einzahl, nämlich di Kroon. Das hat damit zu tun, dass in langer Silbe die Endung - nen oder -nin zu -n(’n) verkürzt wird und wir Kroon sagen, wo in den Nachbardialekten Kroonen steht.
Ein besonderes Wort ist Pëiglgoaß. Es war schon vor 70 Jahren nur mehr
im Hinterpasseier und Sellrain östlich von Innsbruck nachweisbar und ist
auch bei uns nur mehr ganz wenigen geläufig. Der erste Teil vom Namen
des kleinen Kauzes soll auf eine romanische Bezeichnung picculu
(der
Kleine) zurückgehen. Der Name bögl, den der Vogel früher im
Unterinntal hatte, beweist, dass dieses Element weiter verbreitet war.
Dann fragt man sich jedoch, woher der zweite Teil des Namens kommt,
nämlich Goaß. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung. Überall sonst
heißt der Vogel Hoobergoaß. Verantwortlich dafür ist der Schrei des
Kauzes, der wie das Meckern der Ziege klingt. Übrigens hat dieses
Hoober vielleicht nichts mit Hafer zu tun. Es gibt nämlich eine
Pflanze Haberbart (Bocksbart) und im Schwäbischen heißt Haber auch der
Bock. Hoobergoaß war auch eine mythische Gestalt, halb Mensch, halb
Vogel, die Unheil verkündete und auch als Kinderschreck fungierte.
Angeblich kündigte auch die Pëiglgoaß den Tod und allerlei Unheil an.
Ein Wilderer, der kurz nach dem Krieg einmal ums Zuënåchtn (Anbruch
der Dunkelheit) unterwegs war, hat erzählt: Når håt di Pëiglgoaß
ggschriirn, når håne giwisst: iëz isch nicht mear zi tiën (dann hat der
Kauz gerufen, und da hab ich gewusst, dass nichts mehr zu machen ist).
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kåtzngrint im Außerpasseier dieselbe
kleine Eulenart bezeichnet. Der Anlaut von Puuhiin (Uhu) war im
süddeutschen Raum früher weiter verbreitet und scheint auf ein älteres
buho
zurückzugehen.
Ggugguu ist wie die hochdeutsche Entsprechung ‘Kuckuck’ eine Neuschöpfung,
oder vielmehr eine Nachahmung des Vogelrufes. Denn ahd.
ahd. = althochdeutsch (8. – 11. Jh.); mhd. = mittelhochdeutsch (11. – 14. Jh.)
hieß der Vogel gouh
und mhd. gouch
, was heute mit dem kaum noch benutzten Wort
Gauch wiedergegeben wird. Bereits im Mittelalter wurde das Wort nur mehr für
‘Dummkopf’ verwendet, und der Vogel wurde nach seinem Ruf benannt, wie das auch
in anderen Sprachen geschah.
Spiilhoone (Birkhuhn) gilt in leicht abgeänderter Form für ganz Tirol,
ebenso Stuënhuën und Schneahuën, die ähnlich klingen wie in der
Standardsprache, und natürlich der Oarhoone (Auerhahn). Anders bei
Graatsche und Puëngraatsche (Tannenhäher und Eichelhäher). Das Wort
gibt es auch im Oberinntal; im Ötztal z.B. gibt es Gratsch und
Gratschelar für den Tannenhäher. Es kommt von lat. graculus
und ist in
Enneberg noch als cröcia
vorhanden. Der Zittl oder s Zittile ist bei
uns und in Welschnofen die Singdrossel, anderswo heißt der Fink so.
Paamreefer (Kleiber) findet man in Dialektwörterbüchern nicht, anders
wieder bei Prantile (Gartenrotschwanz) und Measl oder Moase
(Meise), von deren Art es auch Tschaupmoase (Haubenmeise) und
Koulmoase (Kohlmeise) bei uns gibt. Die Schnerre oder Schnarre
(Wacholderdrossel) hat einen zweiten Namen, nämlich Kraanewittfougl.
Hier hat man den Eindruck, als sei der hochdeutsche Name in den Dialekt
übersetzt worden. Ob Pergtschuure (Alpenbraunelle) mit tschuurlt
(kraushaarig) etwas zu tun hat, weiß man nicht. Und dann gibt es auch
noch den Zaunggregger oder Zaunggrigger (Zaunkönig), der bei uns
einen gewaltigen Abstieg vom König zum Ggregger macht. Als ich
erfahren wollte, was für ein Vogel der Langisfougl denn ist, bekam ich
die Antwort: Der erste Vogel, der den Frühling ankündigt. Daraus ersieht
man, wie hart man in den Bergdörfern auf die wärmere Jahreszeit gewartet
hat.
Von den Schmetterlingen unterschieden wir nur zwei Arten: die Pfaifålter oder Pfaifolder und die Flotter (Motten). Zu denen zählten wir auch den Kohlweißling. Seine Made allerdings hatte einen eigenen Namen, nämlich Koobiswurbm. Eine drastische Drohung war når pockide zåmm wië an Koobiswurbm! Das war eine Anspielung darauf, dass man sie einfach mit den Fingern zerdrückt hat.
Von den Insekten, deren Wert man erst neuerdings zu schätzen weiß,
mochten wir nur die Paijin (Bienen), deren Dialektbezeichnung vom mhd.
Wort bîe
kommt, während das hochdeutsche Wort auf das mhd. bîn(e)
zurückgeht. Besonders lästig waren uns die Weschpm, wenn sie in großer
Menge vorkamen. Nicht nur, weil man dann einen strengen Winter erwarten
musste, sondern weil sie die Tiere auf der Weide zu gefährlichen
Fluchtversuchen verleiteten und auch weil die Eerweschpm (in der Erde
nistenden Wespen) beim Mähen urplötzlich ausschwärmten und ihre Nester
verteidigten. Die Holzweschpm (auf Holz nistende Wespen) störten uns
weniger. Die Preemin (Bremsen, Stechfliegen) waren vor allem für das
Vieh lästig, weil sie es zin Scherzn (fluchtartig davonzulaufen)
verleiteten, weshalb sie auf Hochdeutsch auch Biesfliegen genannt
werden. Die bei trübem Wetter häufig auftretende graue plinte Preeme
(Regenbremse) konnte sogar durch die Kleidung schmerzhafte Schwellungen
verursachen.
Zwar gibt es bei uns auch viele Käfer, aber wir haben nur wenige Namen dafür. So gibt es den Proocher und den Stinkuënser, von denen wir die biologische Bezeichnung nicht herausfinden konnten. Der Schwookeefer (Küchenschabe) kam in der Nacht aus dem Gemäuer heraus, in welches der Waschkessel eingemauert war. Dass man sie Schwoobm nennt, bei uns eben erweitert zum Schwoo(b)keefer, führt Schatz Schatz, Josef (1955): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Innsbruck: Wagner. auf die Umdeutung aus “Schabe” zurück. Dass di Laindler manchmal schoobmderfressn waren oder Schoobmlëcher hatten, war der Kleidermotte zu verdanken, die anscheinend nicht den Schwoobm zugeschrieben wird. Dass die Zulle (Maikäfer) nur bis St. Leonhard vorkommt, ist ein Glück fürs Hinterpasseier, vor allem in einem Zullnjoor. Ihre Larve heißt genauso wie die der Bremse Engerling. Die Maulwurfgrille ist bei uns die Werre. Der Johanniskeefer (Leuchtkäfer, Glühwürmchen) heißt so auch in Österreich.
Vom Oarhouler (Ohrwurm) glaubten auch wir, dass er in die Ohren krieche, während er doch nur in kleinen Ritzen in der Natur haust. Einen eigenen Namen hat noch der Weeberknecht (Siebenfuß) und das Netz der Spinnewette (Spinne) heißt bei uns nur Spinnewettnhaus.
Der erste Teil des Namens der Fetzgaißl (Ameise) lässt sich gut
erklären, wenn man weiß, dass fetzen ursprünglich einfach ‘spritzen’
bedeutete, denn das tun sie wirklich, wenn etwas ihnen zu nahe kommt.
Ob -gaißl jedoch auf ein altes gisal
(Stäbchen) zurückgeht, ist fraglich.
"Tierisches"
Artikel in dieser Serie:
- Montag, 25. April 2022 - Kålbl, Minnich und Ggërre
- Sonntag, 1. Mai 2022 - Happfiich
- Donnerstag, 5. Mai 2022 - fiirgiën, Perg, Aagrit, Struuzer
- Samstag, 7. Mai 2022 - Kiinighoose, Stoaßgair, Graatsche
- Samstag, 14. Mai 2022 - Saufiich, Joorkålb, Jochgair, Kåtznloatern